Serie Manuelle Medizin (Teil 1)Kaffeemühle gegen Knieschmerz

Schmerzt das Knie, wenden sich viele Betroffene zunächst an Sie als Hausarzt. Einigen können Sie mit Manueller Medizin helfen. Die praktischen Griffe erklärt Ihnen zusätzlich die Video-Anleitung.

Max ist 21 Jahre alt, Sie kennen ihn seit seiner Kindheit. Er macht eine Ausbildung zum Elektriker, lebt seit über einem Jahr mit seiner Freundin und wirkt sehr glücklich. Max nimmt keine Medikamente und hat keine Vorerkrankungen.

Seit einigen Wochen bemerkt er nach längerem Knien in der Arbeit ein Stechen im linken distalen Oberschenkel, welches nach medial und retropatellar zieht. An ein vorangegangenes Trauma erinnert er sich nicht. Er sorgt sich, da ihn der Schmerz bei knienden Arbeiten beeinträchtigt und sich erst nach Lagewechsel und einigen Schritten Gehen wieder bessert. Ibuprofen bedarfsweise lindert die Beschwerden, ebenso das Vermeiden von kniender Haltung.

Sicherheit hat Priorität

Anamnese und körperliche Untersuchung helfen Ihnen, geeignete Kandidaten für eine manuelle Behandlung zu identifizieren. Der erste Schritt ist daher eine sorgsame Indikationsstellung: Liegt eine reversible funktionelle Störung vor? Oder finden Sie Hinweise auf eine strukturelle Schädigung? Können Sie Kontraindikationen (s. Kasten) ausschließen?

Berücksichtigen Sie zudem das Gesamtbild: Richten Sie Ihren Blick auf die angrenzenden proximalen und distalen Gelenke inklusive Wirbelsäule. Auch eine Epiphyseolysis capitis femoris kann beim Jugendlichen unspezifische Schmerzen in Knie, Leisten und Oberschenkel bedingen.

Bei Max ist die Beweglichkeit des linken Kniegelenks schmerzhaft eingeschränkt, der Muskeltonus verschiedener Muskelgruppen deutlich erhöht. Einen konkreten Hinweis auf eine strukturelle Schädigung des Kniegelenks finden Sie nicht.

Sie notieren folgenden Befund: Gangbild unauffällig. Knie links nicht rot, nicht geschwollen, Bänder stabil, Meniskuszeichen o.p.B. Kniestreckung endgradig eingeschränkt: Extension/Flexion 0°/10°/140°. Facettendruckschmerz. Positive Triggerpunkte: M. vastus medialis, M. iliopsoas, ischiokrural.

Ihre Arbeitsdiagnosen lauten Blockierung des linken Kniegelenks und muskuläre Dysbalance. Sie gehen von einer reversiblen Funktionsstörung aus und stellen die Indikation für Manuelle Medizin.

Gut aufklären

Zunächst klären Sie Max über Ihr weiteres Vorgehen auf. Er ist einverstanden, es bestehen keine Kontraindikationen und Sie dokumentieren dies zusammen mit Ihrem Untersuchungsbefund.

Vor der Behandlung sollten Sie Ihren Patienten darauf hinweisen, dass es im Anschluss zu einer Erstverschlimmerung oder Muskelkater kommen kann, meist in den folgenden 24 bis 48 Stunden. Wenn Sie Manipulationen an der Wirbelsäule durchführen, dürfen Sie zudem zwei sehr seltene Komplikationen bei der Aufklärung nicht vergessen: Schädigung von gehirnversorgenden Gefäßen und Aktivierung eines bis dato stummen Bandscheibenvorfalls.

Kaffeemühle und Triggerpunkt

Max behandeln Sie mit einer Traktionsmobilisation am linken Kniegelenk, der sogenannten “Kaffeemühle nach Sell” (Anleitung s. Video-Tipps). Im Anschluss suchen Sie den Triggerpunkt des M. vastus medialis auf (s. Foto, Anleitung s. Video-Tipp). Diesen halten sie für circa zehn Sekunden gedrückt, während Max sein flektiertes Knie streckt. Nach einer kurzen Pause wiederholen Sie dies noch zweimal. Max berichtet, dass der Triggerpunkt in seiner Intensität abnimmt und nun nicht mehr Richtung Patella ausstrahlt. Sie testen noch einmal die Kniestreckung und notieren: Extension/Flexion 0°/0°/140°.

Therapie zuhause

Dehn-und Kräftigungsübungen im Selbstprogramm spielen eine wichtige Rolle. Daher zeigen Sie Max die folgenden Übungen, die er täglich mehrfach ausführen soll: Triggerpunkt-Selbstbehandlung des M. vastus medialis links und Dehnübung für die Ischiokruralmuskulatur (s. Foto und Video).

Zudem sollten Sie mit Ihrem Patienten über Rezidivprophylaxe, Haltungsoptimierung und Integration von regelmäßiger Bewegung sprechen. Max hat sich bereits Kniepolster für sämtliche Arbeitshosen zugelegt, er wird auf häufigere Lagewechsel in der Arbeit achten und wieder regelmäßig zweimal pro Woche Schwimmen gehen.

Telefonisch Rücksprache halten

Sind Folgetermine notwendig? Das ist individuell unterschiedlich. Unter Umständen reicht eine Behandlung, manchmal sind mehrere oder eine physiotherapeutische Mitbehandlung nötig.

Weisen Sie den Patienten an, sich wieder vorzustellen, falls über die Erstverschlimmerung hinaus eine Verschlechterung auftreten sollte. Halten Sie ihn zum Durchführen der gezeigten Übungen und zusätzlicher Bewegung an. Telefonieren Sie nach zwei bis drei Tagen: Ihr Patient wird Ihnen schildern, ob und wie er auf Ihre Behandlung reagiert. Gehen Sie dann je nach Befund vor.

Serie Manuelle Medizin

Ob Knie-, Kreuz- oder Nackenschmerz: Erste Anlaufstelle für die Patienten sind oft wir Hausärzte. Manualmedizinische Kenntnisse und Fertigkeiten können hier sehr hilfreich sein. In dieser Serie werde ich Ihnen Fallszenarien vorstellen, die Sie in ähnlicher Weise auch in Ihrem Praxisalltag wiederfinden. In Wort, Bild und Video möchte ich Ihnen manualmedizinische Herangehensweisen und ausgewählte Behandlungstechniken näherbringen.

Bevor Sie diese in der Praxis einsetzen, sollten Sie manuelle Untersuchungs- und Behandlungstechniken aber korrekt und sicher in einer Zusatzweiterbildung erlernen: In 120 Stunden Grund- und 200 Stunden Aufbaukurs erfahren Sie, wie Sie reversible Funktionsstörungen des Bewegungsapparates vor allem mit Ihren Händen erkennen und behandeln. Nach der abschließenden Prüfung dürfen Sie wahlweise eine der folgenden Bezeichnungen führen: Manuelle Medizin, Chirotherapie oder Manuelle Medizin/Chirotherapie. Ihre Landesärztekammer kann Ihnen anerkannte Kursanbieter nennen.

Literatur:

1. Bischoff HP, Moll H. Lehrbuch der Manuellen Medizin. Spitta, Balingen 2018.

2. Bayerische Landesärztekammer. Manuelle Mdizin/Chirotherapie. https://www.blaek.de/weiterbildung/qualifikationen-nach-der-weiterbildungsordnung/manuelle-medizin-chirotherapie, zuletzt abgerufen am 12.02.2020.

3. Bundesärztekammer: (Muster-)Kursbesuch Manuelle Medizin/Chirotherapie. https://www.bundesaerztekammer.de/fileadmin/user_upload/downloads/MKB_Manuelle_Medizin_Chirotherapie.pdf, zuletzt abfgerufen am 12.02.2020

4. Gautschi R. Manuelle Triggerpunkt-Therapie. Thieme, Baden 2016.

5. Stahlhofer H, Stahlhofer T. Ganzheitliche manuelle Behandlung. Kiener, München 2018.

Interessenskonflikte: Die Autorin ist privatärztlich im Bereich Manuelle Medizin tätig und hält Fortbildungen (Lehre von Dr. K. Sell und Dr. H.P. Bischoff).

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